Richtig atmen beim Singen: Physiologisch erklärt

Wer richtig atmen beim Singen lernen will, bekommt fast immer denselben Rat: in den Bauch atmen. Also legst du die Hand auf den Bauch, atmest tief ein und schiebst ihn nach vorn. Trotzdem geht dir mitten in der Phrase die Luft aus, und sobald es höher wird, wird der Ton eng.

Der Rat beschreibt eine sichtbare Folge und lässt die eigentliche Arbeit aus. Atmen beim Singen ist ein Zusammenspiel aus Zwerchfell, Rippen, Bauchwand und Stimmlippen, und dieses Zusammenspiel regelt vor allem eines: den Druck, mit dem die Luft durch die Stimmlippen strömt. Hier erfährst du, was dabei im Körper passiert, was zwei Studien an ausgebildeten Stimmen gemessen haben und warum der Atem allein selten das Problem ist.

Was beim Einatmen im Körper passiert

Beim Einatmen zieht sich das Zwerchfell zusammen, flacht ab und senkt sich. Es ist der wichtigste Einatemmuskel, eine Kuppel aus Muskel und Sehne, die den Brustraum vom Bauchraum trennt. Senkt sie sich, wird der Brustraum größer, in der Lunge entsteht ein Unterdruck, und Luft strömt ein. Gleichzeitig heben die äußeren Zwischenrippenmuskeln die Rippen an und weiten den Brustkorb nach vorn und zur Seite.

Die Bauchorgane weichen dem sinkenden Zwerchfell aus, und deshalb wölbt sich die Bauchwand nach vorn. Daher kommt der Begriff Bauchatmung. Die Luft selbst gelangt dabei ausschließlich in die Lunge. Was du am Bauch siehst, ist die Bewegung der Organe, die dem Zwerchfell Platz machen.

Warum dir beim Singen die Luft ausgeht

Die Luft geht meist aus, weil sie zu Beginn der Phrase zu schnell entweicht. Eine voll gefüllte Lunge verhält sich wie ein gedehnter Ballon: Lungengewebe und Brustkorb federn zurück und drücken die Luft von selbst hinaus, und je voller die Lunge, desto stärker ist dieser Rückstelldruck. Wer tief einatmet und dann einfach loslässt, verliert in den ersten Sekunden einen großen Teil der Luft, und der Ton beginnt zu laut oder zu hauchig.

Gegen Ende der Phrase kehrt sich das Verhältnis um. Jetzt strebt die Lunge zurück in ihre Ruhelage, und die Luft muss aktiv hinausbefördert werden, mit den inneren Zwischenrippenmuskeln und der Bauchmuskulatur. Wer diesen Wechsel nicht auffängt, presst am Schluss mit dem Hals nach, und die letzten Töne werden eng.

Dazu kommen die Stimmlippen. Schließen sie unvollständig, strömt bei jedem Ton ungenutzte Luft mit hinaus, und der Vorrat reicht kürzer, als er müsste. Auch zu viel Luft hat ihren Preis: Eine übervolle Lunge erzeugt mehr Druck, als ein leiser Ton braucht, und dieser Überschuss wird oft im Kehlkopf zurückgehalten.

Bauchatmung oder Brustatmung: was beim Singen tatsächlich zählt

Beim Singen arbeiten Rippen und Bauchwand zusammen, und wie sich diese Arbeit verteilt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Salomoni, van den Hoorn und Hodges haben das 2016 an sieben professionellen klassischen Stimmen und vier Personen ohne Gesangsausbildung gemessen. Beim Singen stammten bei den ausgebildeten Stimmen rund 35 Prozent der Volumenänderung aus der Bauchwand, bei den Untrainierten rund 14 Prozent. Viele der ausgebildeten Stimmen zogen die Bauchwand unmittelbar vor dem ersten Ton leicht nach innen.

Gleichzeitig unterschieden sich die ausgebildeten Stimmen untereinander deutlich, und eine der erfahrensten, mit über 21 Jahren Bühnenpraxis, atmete fast wie die Gruppe ohne Ausbildung. Ein einziges richtiges Atemmuster gibt es demnach nicht. Ausgebildete Stimmen beziehen die Bauchwand stärker ein, sie passen die Atmung an die Aufgabe an, und jede tut das auf eigene Weise. Die Frage Bauch oder Brust beschreibt nur die Form, die der Rumpf dabei annimmt.

Richtig atmen beim Singen: was die Forschung über Atemanweisungen zeigt

Anweisungen wie „Bauch raus“ oder „Bauch rein“ verändern die Form des Rumpfes, die Luftmenge bleibt dabei gleich. Collyer, Kenny und Archer ließen 2009 fünf klassisch ausgebildete Sängerinnen das „Ave Maria“ von Caccini in drei Durchgängen singen: ohne Vorgabe, mit der Anweisung, die Bauchwand nach innen zu ziehen, und mit der Anweisung, sie nach außen zu wölben.

Die Anweisungen veränderten die Stellung von Brustkorb und Bauch zu Beginn jeder Phrase deutlich. Das Lungenvolumen blieb trotzdem in allen drei Durchgängen gleich, weil der Brustkorb jede Bewegung der Bauchwand ausglich. Am Ende jeder Phrase kehrte der Körper zudem von selbst zu seinem gewohnten Muster zurück.

Die sichtbare Bewegung am Bauch sagt also wenig darüber aus, wie gut du atmest. Entscheidend ist, wie du den Druck der Luft regelst, damit er zum Ton passt.

Was „Stütze“ physiologisch bedeutet

Stütze bezeichnet die Fähigkeit, den Luftdruck unter den Stimmlippen über eine ganze Phrase gleichmäßig zu halten, obwohl sich die Kräfte der Lunge dabei ständig ändern. Zu Beginn der Phrase bremsen die Einatemmuskeln den Rückstelldruck der vollen Lunge: Zwerchfell und äußere Zwischenrippenmuskeln bleiben leicht aktiv, während schon gesungen wird. Später übernimmt die Ausatemmuskulatur und ergänzt, was die Lunge nicht mehr von selbst liefert. Von außen wirkt das ruhig, im Körper ist es eine fein abgestimmte Übergabe.

Wie viel Druck nötig ist, hängt vom Ton ab. Höhere und lautere Töne brauchen mehr, leise Töne in der Mittellage sehr wenig. Und der Druck wirkt immer gegen die Stimmlippen: Schließen sie zu fest, wird der Ton gepresst, schließen sie zu locker, entweicht ungenutzte Luft. Atem und Stimmlippen arbeiten deshalb als Paar, und Stütze ist die Abstimmung zwischen beiden.

Aus diesem Grund führt festes Anspannen des Bauches selten zum Ziel. Wer den Bauch hart macht, erhöht den Druck pauschal, ohne ihn dem Ton anzupassen, und der Hals gleicht den Überschuss aus.

Durch die Nase oder durch den Mund einatmen?

Beim Singen atmest du durch beide, je nachdem, wie viel Zeit die Musik dir lässt. Die Nase wärmt und befeuchtet die Luft und verlangsamt den Einstrom, das passt zu längeren Pausen. Der Mund lässt in kurzer Zeit viel Luft herein, und die Pausen zwischen Phrasen sind oft kurz: In der Studie von Salomoni und Kollegen dauerte das Einatmen der ausgebildeten Stimmen beim Singen im Durchschnitt nur rund 0,7 Sekunden. In zügigen Liedern atmen die meisten deshalb durch den Mund oder durch Mund und Nase zugleich.

Warum der Atem allein selten das Problem ist

Der Atem ist das Fundament der Stimme, seine Wirkung zeigt sich aber erst im Zusammenspiel mit allem, was darauf aufbaut. Ein stabiler Luftdruck nützt wenig, solange die Stimmlippen ihn nicht in einen klaren Ton umsetzen, und ein klarer Ton braucht einen Klangraum, der ihn trägt. Atem für sich zu trainieren verbessert den Gesang deshalb kaum, wenn Tongebung und Resonanz nicht mitlernen.

Im Lernweg von Vocal Foundations, der akademischen Gesangsausbildung von ELITE VOICE, steht der Atem deshalb am Anfang. Jedes weitere Modul baut darauf auf und verbindet ihn mit dem nächsten Schritt: mit der Tongebung, der Resonanz, der Tonhöhe und dem Umfang. So lernt der Atem von Beginn an, wofür er gebraucht wird.

Atmen mit Bewusstsein

Richtig atmen beim Singen heißt, den Luftdruck bewusst auf jeden Ton abzustimmen. Zwerchfell, Rippen und Bauchwand liefern die Luft, die Stimmlippen setzen sie in Klang um, und erst ihr Zusammenspiel entscheidet, ob eine Phrase trägt. Die Form des Bauches spielt dabei eine Nebenrolle, sie folgt der Arbeit und unterscheidet sich von Stimme zu Stimme.

Bewusst atmen gilt hier im doppelten Sinn: sich seines Körpers bewusst sein und den Atem bewusst führen. Dann reicht die Luft bis ans Ende der Phrase, die Höhe bleibt frei, und der Atem wird zu dem, was er beim Singen sein soll: das Fundament, auf dem jeder Ton steht.

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Sources

The physiology in this article draws on research into breathing behaviour in classical singing: Salomoni, van den Hoorn and Hodges, “Breathing and Singing: Objective Characterization of Breathing Patterns in Classical Singers”, PLoS ONE 11(5), 2016; and Collyer, Kenny and Archer, “The Effect of Abdominal Kinematic Directives on Respiratory Behaviour in Female Classical Singing”, Logopedics Phoniatrics Vocology 34(3), 2009.